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Meine ehrenamtliche Tätigkeit im Hospiz Advena

(Ein Erfahrungsbericht von Willi Wünschmann)

Was bewegt wohl einen Menschen, sich ehrenamtlich in einem Hospiz zu engagieren bzw. konkret, was hat mich ganz persönlich bewogen zur ehrenamtlichen Mitarbeit im Hospiz Advena?

Unmittelbar nach meiner Pensionierung als Bediensteter der hessischen Landes­verwaltung 2001 bedurften meine Eltern, die seither trotz ihres Alters von 90 bzw. 93 Jahren noch ihren Alltag weitgehend selbständig mit Lebensfreude und in geistiger Frische bestreiten konnten, in verstärktem Umfang meiner Hilfe und Unterstützung. Mit Dankbarkeit denke ich daran zurück, dass auf diese Weise 2003 beide ihr Leben zu Hause in ihrer gewohnten Umgebung liebevoll umsorgt von vertrauten Menschen mit Würde beschließen konnten.

Es liegt nahe, an so einem tiefgreifenden persönlichen und beruflichen Lebensein­schnitt verstärkt über das eigene Leben nachzudenken. Bei meiner Suche nach einer aus meiner individuellen Sicht befriedigenden und zugleich auch sinnvollen Aufgabe bin ich anlässlich einer christlichen Tagung auf eine eventuelle ehrenamtliche Mitarbeit in einem Hospiz angesprochen worden. Nach einer Zeit des Nachdenkens und Abwägens habe ich im Februar 2005 - aufmerksam geworden durch einen Pressehinweis in einer Wiesbadener Zeitung und einen Informationsabend - an einem Hospizseminar “Einführung in die Sterbebegleitung” teilgenommen. Es bestand aus 15 Themenabenden mit theoretischen und praktischen Inhalten und zwei Selbst­erfahrungs-Wochenenden mit besonderem Schwerpunkt auf eigenem Erleben von Verlust, Abschied, Trauer und Tod. Ergänzend gehörten 12 Stunden Praktikum im Hospiz Advena dazu.

Diese von verschiedenen Fachreferenten gestaltete intensive Vorbereitung hat nicht nur die künftigen Aufgaben deutlich gemacht, sondern darüber hinaus die Chance geboten, sich selbst sehr realistisch zu prüfen, ob ich die Erfahrung von Leid, Sterben und Tod, die untrennbar zu unserem Leben gehört, aushalten kann. Die Motivation der Teilnehmer war unterschiedlich: Einige besuchten das Seminar, um die pflegerische Betreuung kranker oder behinderter Angehöriger weiterhin leisten zu können, einige absolvierten den Kurs im Blick auf die Endlichkeit des eigenen Lebens und einige in der Absicht, sich in einem Hospiz zu engagieren. Meine Motivation zum Helfen und damit meine konkrete Entscheidung, mich in die Hospizarbeit einzu­bringen, liegt in der Dankbarkeit für so vieles, was mir in meinem Leben unverdient geschenkt worden ist, ja geschenkt worden ist, begründet. Daran möchte ich andere Menschen teilhaben lassen, denen es leider weit weniger gut geht. Dieses gemeinsame Anliegen verbindet uns ehrenamtliche Mitarbeiter, etwas von unserer Zeit an kranke Menschen zu verschenken, ihnen Aufmerksamkeit, Wärme, ja sogar Freude entgegen­zubringen, um ihnen ein Lebensende in Würde und menschlicher Geborgenheit zu ermöglichen.

Als ehrenamtlicher Mitarbeiter mache ich keinerlei pflegerische Dienste; dies ist aus­schließlich den palliativ qualifizierten Pflegekräften vorbehalten. Ich nehme primär eine begleitende Funktion wahr (dies schließt auch das Anreichen von Speisen mit ein). Ein wesentlicher Teil der Begleitung ist das geduldige, taktvolle Zuhören. Wenn ich am Bett eines Bewohners sitze, ist in der Regel er es, der sprechen möchte, während ich zuhöre. Zuhören ist für viele Menschen heute ein Fremdwort, denn Viele können leider nicht mehr zuhören. Zuhören kann manchmal bedeuten, auf einen vorschnellen “gut gemeinten Rat” zu verzichten, um so dem Kranken die Möglichkeit zu geben, seine eigenen oft verborgenen Anliegen, Gedanken, Ängste, sich “von der Seele zu reden”. Dabei versuchen wir zu spüren, herauszuhören, was der Kranke, oft in “verschlüsselter” Form, uns in Wirklichkeit sagen möchte.

Natürlich darf der persönliche Einsatz für die Tätigkeit in einem Hospiz nicht zur “Einbahnstraße” werden, denn dann wären alsbald die “Akkus leer”. Nein, man lebt sein Leben wie bisher, und schenkt Menschen, denen es nicht so gut geht, einen Teil seiner Zeit. Die eigene Lebensfreude als Quelle der Kraft für diese Aufgabe ist ebenso wichtig, wie die Bereitschaft, etwas davon weiterzugeben.

Seit Juli 2005 bin ich im Hospiz Advena als ehrenamtlicher Mitarbeiter tätig, und ich habe es nicht bereut. Im Hause herrscht eine frohe gelöste Atmosphäre und ein freundlicher Umgangston, was mich von Anfang an angesprochen hat. Über den Umfang und die zeitliche Dauer meines Aufenthaltes im Hospiz entscheide ich, denn ich bin unentgeltlich und ohne “Aufwandsentschädigung” tätig.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es nicht immer eine leichte, aber dennoch eine sinnvolle, bereichernde, schöne Aufgabe ist, die auch mir selbst Freude und Zufriedenheit schenkt und mich darüber hinaus lehrt, immer klarer zu erkennen, was im Leben wirklich wichtig und was weniger wichtig ist. Für mich ganz persönlich beginne und beschließe ich meine Tätigkeit im Advena mit einer ganz kurzen Besinnung. Wenn ich das Hospiz betrete und die beiden Türen sich automatisch öffnen, halte ich kurz inne und denke im Stillen “Herr, mache mich zum Werkzeug deiner Liebe” und beim Verlassen des Hauses “Herr, vollende, was ich begonnen habe”, in dem Bewusstsein und tröstlichen Vertrauen, bei allem, was mir begegnet, nicht allein gelassen, sondern geborgen zu sein.

Ich hoffe, dass es mir der Schöpfer ermöglicht, meine liebgewordene ehrenamtliche Tätigkeit im Hospiz Advena noch fortführen zu können.

Zum Schluss noch ein sehr persönlicher Gedanke von mir: Ich bin mir selbstver­ständlich bewusst, dass sich solche Erfahrungen nicht verallgemeinern lassen, denn jeder Mensch erlebt diese Aufgabe auf seine ganz eigene besondere Weise.

Willi Wünschmann, im Dezember 2010

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